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Unter Seetoyfeln

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Unter Seetoyfeln

 

Seit gut fünf Monaten schimpfe ich mich Mitglied bei euch im Forum und habe seitdem kein Wort verlauten lassen, von der Begrüßung und Vorstellung mal abgesehen.


Das soll sich nun ändern, denn ich habe endlich etwas zu berichten!

Jawohl! Nachdem ich im Dezember 2007 mit meinem 15 jährigen Sohn den Angelschein in Empfang nehmen durfte, mit allem dazugehörenden Wissen und Gedöns, begab ich mich mit Sohnemann und dem euch bekannten „Higjig“ auf Hochseeangeltour. Wohlgemerkt, es sollte mein erster Angeleinsatz werden, dem aufgrund technischer und praktischer Defizite zwei Tage zuvor erste Wurfübungen mit Rute und Blei vorausgingen.

Man stelle sich das wie folgt vor:

Higjig: „Das hier ist eine Rute. Der Faden da ist die Angelschnur und den ziehst du durch die Ringe. Wie – das geht nicht? Dann löse doch die Bremse an der Rolle!“
„Welche Rolle?“, frage ich.
„Ja, das Dingens, wo die Schnur aufgewickelt ist!“, bekam ich zur Antwort. Und nach wenigen Minuten:
„Finger weg – man man man, was hast du bloß beim Angelkurs gelernt? Die Bremse lösen, nicht die Rolle auseinander bauen, oder die Schnur per Hand abrollen. Wir fahren zum Hochseeangeln, nicht zum Fliegenfischen!“
Nachdem sehr viel später bei den Wurfübungen so ziemlich alles getroffen wurde, nur nicht der fiktive Zielpunkt, attestierte man mir, dass meine Bemühungen durchaus ausbaufähig seien. Im Ansatz gut, in der Ausführung.......Danke!

Nun zu dem denkwürdigen Angelausflug (am 11.03.200 ab Kiel, Heikendorf mit dem Kutter MS-Forelle, (der Platz für 50 Angler bietet) Richtung Dänemark. Abfahrt 6:00 Uhr in der Frühe. Abfahrt zuhause um 02:15 Uhr morgens. Man gönnt sich ja sonst nichts! Und das ganze Theater nur, um die drei Ruten irgendwo an der Reling des Kutters so zu parken, damit man einen guten Platz inne hatte.


Im Dunkeln wurden die Ruten für ihren ersten Einsatz getrimmt: irgendwelche Bindfäden zwischen Knoten und Kunststoffperle drangetütelt, die am Ende mit einem auf einen recht großen, spitzendigen Angelhaken aufgezogenen, wabbeligen Madenvieh versehen waren. Beifänger nennt man das wohl im Fachjargon. Am Ende der Hauptschnur wurde per Wirbel eine bleischwere Fischimitation, sprich Pilker angebracht.
Soweit war mir die ganze Sache ja noch geheuer. Bloß – wie sollte man das ganze Geschirr per Überkopfwurf in die See bringen, wenn hinter und neben einem gerade mal ein Meter Platz war? Dann macht man eben keinen Überkopfwurf, sondern wirft aus dem Ellbogen heraus. Eine kurze Einweisung folgte, der ich nicht folgen konnte.
Lass das Blei einfach nach unten fallen, wir angeln eh nur über irgend welchen Wracks, vernahm ich. Auch gut. Mir war zu diesem Zeitpunkt so ziemlich alles recht, Hauptsache, ich bekam endlich einen Kaffee, um das komische Gefühl im Magen loszuwerden.
Der Kaffee wurde gegen 6:30 Uhr in dem schon recht bedenklich schaukelnden Salon und im Keller des Boots, der Haifischbar, von einem Mädchen für Alles (so titulierte sich Matthias selbst!) Kannen weise verteilt, samt etlicher Platten mit belegten Brötchen. Bei einer Anglerschar von über 40 Mann verringerte sich sehr schnell das Frühstück. Und wie über Lautsprecher zu hören war, gedachte der Kapitän um 7:00 Uhr das erste Wrack anzusteuern.


Ein Blick aus eines der Bullaugen der Kajüte ließ einen das frühe Aufstehen, die ewig lange Autofahrt zum Anlegeplatz der MS-Forelle vergessen. Die Kieler Bucht rauschte an einem vorbei, in der Ferne sah man aus Dänemark kommende Fährschiffe. Der Himmel versprach ein angenehmes Angelwetter mit versehentlichen Sonnenstrahlen und die See gebärdete sich halbwegs ruhig.


Dennoch - der extra angeheuerte zweite Schiffskoch lag bereits irgendwo im Bauch der MS-Forelle und würgte die letzten Kaffeereste heraus, ein Petrijünger nahm im Gesicht eine ungesunde Blässe an, zwei weitere folgten.


Der erste Stopp: ich nahm meine Rute zur Hand, verfolgte ganz genau, was Higjig mit seiner anstellte und siehe da: es klappte, bis auf die Tatsache, dass ich nicht nur eine Rute zu halten, sondern einen Wellengang von inzwischen einem Meter auszugleichen und dabei noch aufzupassen hatte, dass sich meine Schnur nicht mit der des Nebenmannes vertütelte, der aufgrund des Windes seinen Pilker in meine Wurfrichtung parkte.
Nach den ersten Entwirrungsversuchen ertönte ein Hupen: das Zeichen, die Ruten einzuholen und wieder festzubinden, da der Kutter wieder Fahrt aufnahm zum nächsten Wrack. Immerhin: zwei der dreiundvierzig Angler konnten je einen 50cm Dorsch landen und meine neu erworbene Angelbekleidung wurde standesrechtlich mit Neptuns Massen getauft. Und: mein Sohnemann wies eine etwas ungesunde Gesichtsfarbe auf.
Nach dem dritten Stopp, ich war inzwischen Profi im entwirren von Angelschnüren und Beifängern, sowie im entfernen von in der Haut festgehakten Angelhaken, deren einziges Lebensziel zu sein schien, mich zu traktieren und ihre Bösartigkeit permanent unter Beweis stellen zu müssen.


Mein Schuhwerk, das mir als hundert Prozent wasserdicht in Erinnerung geblieben war, sonst hätte ich nicht ausgerechnet diese netten Allwetterstiefel mitgenommen, entpuppte sich als wasserdicht: es ließ eingefangene Wassermassen nicht mehr nach draußen, so dass meine Füße von nun an einer Dauertaufe unterzogen wurden und merklich auskühlten. Da half alles nichts: ich verkroch mich bei Angelpausen nicht im Salon, oder der Bar unter Deck, sondern trotzte der tobenden MS-Forelle, deren Deck bereits zwei Altjüngern zum fallenden Verhängnis wurde. Sohnemann saß von nun an in irgendwelchen windgeschützten Ecken und beschäftigte sich damit, der Übelkeit Herr zu werden. Armer Junge! Er wird wohl nie wieder einen schlingernden Kutter betreten.

 

 

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